Liebe Kolleginnen und Kollegen,
was wir Euch bereits im Februar gesagt haben, ist jetzt eingetreten. Beide Seiten nennen den neuen Tarifabschluss einen „Erfolg“ oder „guten Kompromiss“. Wir sehen das anders – wenn man genauer hinschaut, zeigt sich: Für Euch bedeutet dieser Abschluss vor allem Nachteile.
1. Weniger Geld im Alltag
Der Tarifvertrag läuft 26 Monate (bis Februar 2028). Für Euch in Frankfurt (FRA) und München (MUC) heißt das:
- 2026 gibt es keine Erhöhung – eine Nullrunde. Während fast alle anderen Konzernbereiche bereits Erhöhungen erhalten, bleibt Euer Portemonnaie leer.
- Die späteren Erhöhungen sind zu niedrig: +2,2 % ab Januar 2027 und +2,4 % ab März 2027.
- Gleichzeitig wird die Inflation für 2026 von Experten bereits auf 3,5 % geschätzt.
- Das Ergebnis: Ihr könnt Euch zukünftig weniger leisten.
2. Die große Angst vor Auslagerung – wie real ist sie?
Seit Beginn dieser Tarifrunde wurde von einer Gewerkschaft das Szenario einer kompletten Auslagerung der Stationen FRA und MUC thematisiert. Diese Inszenierung diente dazu, gezielt Ängste in der Belegschaft zu schüren, um Mitglieder zu gewinnen und von einem schlechten Abschluss abzulenken.
In der Realität stellt ein solches Auslagerungsszenario ein unkalkulierbares Risiko für den Arbeitgeber dar, weshalb die Umsetzung faktisch unmöglich ist:
- Bestehende Unkündbarkeit: Wer bereits 15 Jahre im Dienst ist, genießt nach § 41 Abs. 3 MTV Nr. 14 ohnehin Schutz vor ordentlichen Kündigungen.
- Ratioschutz wirkt weiter: Dieser Schutz gilt weiterhin für alle, die bereits vor der Kündigung des Abkommens im Jahr 2016 im Unternehmen waren.
- Rechtliche Risiken bei Teilbetriebsübergängen: Da die Stationen Teilbetriebe der DLH AG in FRA & MUC sind, wäre eine Auslagerung rechtlich ein Teilbetriebsübergang. Ein Widerspruch der Arbeitnehmer stellt hier für die Lufthansa ein immenses rechtliches Risiko dar. Angesichts tausender potenziell Betroffener würde dies in eine Lawine langjähriger Rechtsstreitigkeiten um Weiterbeschäftigungsansprüche münden, die für den Arbeitgeber schlichtweg nicht kalkulierbar wären.
3. Was wirklich passiert
Während viele über das große Auslagerungsszenario sprechen, verfolgt das Management eine andere Strategie, die durch den aktuellen Abschluss nicht verhindert wird:
- Mehr Technik, weniger Menschen: Arbeitsplätze sollen durch Automatisierung ersetzt werden.
- Weniger Personal mit der Zeit: Durch Vorantreiben der Automatisierung wird es auf absehbare Zeit keine Neueinstellungen geben und die Stammbelegschaft durch Altersabgänge und Fluktuation verkleinert.
- Teilweise Auslagerungen bleiben möglich: Der vereinbarte Schutz verhindert nicht, dass einzelne Bereiche – wie Ticketing oder Lost & Found – weiterhin abgegeben werden.
- Mehr Flexibilität: Mitarbeiter werden je nach Bedarf in andere Bereiche verschoben (Cross-Qualifizierung).
Fazit:
Es wurde viel über ein Problem gesprochen, das faktisch unmöglich ist. Dass die gesamte Kampagne primär als Instrument zur Mitgliederwerbung genutzt wurde, bestätigt die verhandelnde Gewerkschaft nach dem Abschluss selbst: „Man habe die angestrebten Mitgliederzahlen erreicht“.
Damit steht fest: Bei diesen Verhandlungen haben beide Seiten am Tisch gewonnen. Die eine Seite hat ihr Mitgliederziel erreicht, während der Arbeitgeber für das Jahr 2026 eine Nullrunde und für 2027 einen niedrigen Abschluss durchsetzen konnte.
Verlierer dieser Inszenierung sind die Beschäftigten. Während die Verhandlungspartner ihre jeweiligen Ziele erreicht haben, bleibt für Euch persönlich ein Abschluss, der weniger Kaufkraft und keine echte Verbesserung bedeutet. Dass dieser „gute Abschluss“ ohne einen einzigen Streiktag erreicht wurde, überrascht nicht: Bezahlt wird er von Euch – durch Euren Reallohnverlust.
Ob durch diese Vereinbarung am Ende sogar bewährte rechtliche Schutzmechanismen umgangen oder verschlechtert wurden, werden wir beurteilen, sobald uns der exakte Wortlaut vorliegt.
AGiL ist Euer verlässlicher Interessenvertreter, wenn es um Fakten statt Märchen geht.
Eurer AGiL-Vorstand

